Personal Training Johanna Lambertz
Langsam beginnt der Oberschenkel zu beben. Erst ist es nur ein leichtes Zittern, dann fängt auch der Rest des Körpers an zu schlottern als würden eisige Temperaturen herrschen. Ich lehne in einer unvorteilhaften Hocke an einem Baum im Berliner Tiergarten und wage es nicht, mich aus dieser Lage zu befreien. Karsten Schellenberg lacht und zählt die letzten Sekunden runter, bis ich mich aus der Kniebeuge befreie. Ein paar Mal 15 Sekunden in dieser Position, dazwischen Sprints zu meilenweit entfernt scheinenden Bäumen. So gruselig wie wirkungsvoll. Wer auch immer Zweifel an der Effektivität eines Personal Trainings hat, der hat Karsten Schellenberg noch nicht kennengelernt. Der Mann ist so lässig, dass man sofort versteht, warum so viele Promis mit ihm trainieren. Für Menschen wie ihn ist da Wort unprätentiös wohl erfunden worden. Normalerweise verhilft er Sängern oder Schauspielern zu einem fitten Körper und ist für viele deshalb inzwischen selber ein Promi. Er selber sieht das völlig anders und zögert nicht lang, als ich ihm vor einigen Wochen ganz unbedarft eine Anfrage per Email schicke. Es sei ihm wichtig und mache ihm viel Spaß, auch immer wieder mit Sportbegeisterten zu arbeiten, die sich seine Stunden sonst nicht leisten könnten, sagt Karsten Schellenberg. Spricht man ihn auf seine Bekanntheit an, winkt er ab: „Ich bin einfach Karsten“. Dazu passt, dass er keinen Wert auf retuschierte Fotos legt. „Das geht gar nicht“, kommentiert er ein Bild von sich, das so glatt aussieht, dass es mit ihm nur noch wenig zu tun hat.
Ein paar Telefonate folgen und schon haben wir einen Termin gefunden, den ich gleich für einen Ausflug in die Hauptstadt nutze. Den Termin vereinbaren wir allerdings unter Vorbehalt. Es gibt eben Kunden, die auf eine Rund-um-die Uhr-Betreuung setzen und gerne auch mal frühmorgens zum Telefonhörer greifen. Dann steht Schellenberg vor der Tür. Sein Geländewagen ist sein mobiles Studio. Dort, wo bei anderen das Handy in der Armlehne verschwindet, verstaut er sämtliche Zutaten für ein Powerfrühstück: Wasser, Haferflocken und Rosinen. Ein Buch für die Pause im Handschuhfach, um den Kopf „aufzuräumen“, wie er es nennt. Im Kofferraum liegt sein Arbeitswerkzeug: Medizinball, Matte, Thera Band. Viel mehr braucht es nicht, um sich nach seinem Prinzip fit zu machen. Natürlich gehört auch eine große Portion Disziplin dazu.. Dass sein Konzept funktioniert, wird kaum jemand bezweifeln, der ihm gegenübersteht. Dass er in seiner grauen Jogginghose und dem weißem Shirt auffällt, liegt nämlich nicht an den zahlreichen Tätowierungen, die seinen Körper zieren.
Sein Training ist sowohl einfach als auch sehr individuell. Auf aufwändige Nahrungsergänzung und komplizierte Anweisungen verzichtet er völlig. Wer schon einmal versucht hat, sich von David Kirschs Shakes zu ernähren, wird es ihm danken. Ihm geht es vor allem um frische Zutaten und einfache Rezepte. Das ist auch für jemanden wie mich trotz eines Bürojobs in der Kaffeeküche zu verwirklichen. Karsten Schellenberg nimmt sich Zeit meinen Fitnessstand zu er- und hinterfragen, fühlt während des Trainings immer mal wieder meinen Puls.
Bislang habe ich mich immer für relativ fit gehalten, aber spätestens jetzt würde meine Pulsuhr im anaeroben Bereich piepsen. Denn es geht gleich etwas härter zur Sache. Kniebeugen, Strecksprünge, Klimmzüge, Liegestütze und Crunches werden immer wieder durch Phasen unterbrochen, in denen man richtig Gas geben kann. Besonders effektiv ist zum Beispiel einen Rennen gegen seinen Körper, bei dem man sich mit den Händen gegen seinen Oberkörper stemmt. Wer dabei nach einer Minute nicht keuchend nach Atem ringt, hat etwas falsch gemacht und die Beine nicht richtig hoch gezogen. Dass Karsten Schellenberg den Menschen sieht und nicht einzelne, zu optimierende Körperteile, macht das Workout so persönlich. Schnell hat er raus, dass ich eher ein Problem habe zu entspannen und locker zu lassen als mich aufzuraffen. Eine eigentlich simpel erscheinende Übung wird für mich zur riesigen Herausforderung: Ich soll einen kleinen Sandsack unter meinem Bein durchwerfen und mit derselben Hand wieder auffangen. Unfreiwillig komisch stolpere ich dabei beinah über einen Ast, während eine Gruppe Sachsen in Fliegerseide an mir vorbeijoggt. Ihre Gesichter lassen vermuten, dass sie die Teilnahme an der sportlichen Stadtführung bei fast 30 Grad um acht Uhr morgens mittlerweile bitter bereuen. Mich hingegen hat der Ehrgeiz gepackt.
Von außen betrachtet wirken die meisten Übungen kinderleicht. Versucht man aber den Medizinball mehrmals dicht am Körper hoch zu werfen, spürt man, wie viele Muskeln offenbar in einem einzigen Arm gebraucht werden. Karsten Schellenberg wirkt dabei wie die Songs der Red Hot Chili Peppers während eines langen Laufs. Er holt die letzten 20% aus meinen Armen und Beinen, die ich alleine nicht mehr schaffen würde und erkennt gleichzeitig die Grenze meiner Belastbarkeit. Dieses Verständnis macht ein Personal Training so unersetzlich.
Er ist ein Mensch, mit dem man über Cellulite reden kann, ohne rot zu werden. Zu den Ansprüchen, die Frauen häufig an sich selber stellen, hat er eine eindeutige Meinung. Es sei viel leichter so auszusehen, wenn man sich um nichts kümmern müsse, er morgens schon mit dem richtigen Frühstück auftauche und den Kunden dann antreibe, als sich selber motivieren zu müssen, berlinert er.
Nachdem ich mich davon erholt habe, dass ich gefühlte zehn Minuten, wie ein strampelnder Käfer auf dem Bauch liegend, die Arme und Beine auseinander- und wieder zusammen gebracht habe, nimmt sich Karsten Schellenberg Zeit, meinen jetzigen Trainingsplan zu überarbeiten. Viel zu viel desselben, ist sein Fazit. „Du drehst die Uhr so eher zurück und tust dir nichts Gutes“, sagt er. Normalerweise laufe ich jeden Morgen, einen trainingsfreien Tag gibt es selten. Schellenbergs neuer Plan verschafft mir zwei Tage in der Woche, die einzig der Erholung dienen sollen. Viele Sportler unterschätzen, dass diese Tage besonders wichtig sind, ist er sicher. Massagen, Sauna oder ein heißes Bad haben bei ihm den gleichen Stellenwert wie ein anspruchsvolles Kraft- und Ausdauertraining. Statt jeden Morgen eine halbe bis Dreiviertelstunde laufe ich jetzt nur noch an drei Tagen, variiere dafür die Länge. Sonntags darf es dann auch mal eine ambitionierte Tour durch den Wald sein. Die Krafteinheiten sind von den Ausdauereinheiten getrennt. Intervalle, Balanceübungen, Schwimmen, Radfahren – alles außer Langeweile ist erlaubt. Und eben auch mal Nichtstun. Einen Rat, den man in einer Zeit, in der jeder erfolgreiche Mensch offenbar auch topfit sein muss, selten bekommt. Mein Eindruck ist sofort, dass ich so langfristig einen größeren Effekt erziele und mir durch die Abwechslung die Motivation und Freude erhalten kann. Karsten Schellenberg ist überzeugt, dass es vielen Menschen schwer fällt, auch mal einen Tag zu gammeln. Luxusproblem - werden viele denken, die sich morgens nicht aus dem Bett und abends so schnell wie möglich aufs Sofa bewegen wollen. Anspannung und Entspannung gehören aber eben zusammen.
Das Training in Berlin hat mir einige Denkanstöße gegeben. Ich fühle mich entspannter, ausgeglichener und fitter.
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